Café Sperl - Der "Sperlianer"

Der echte Wiener ist ein Spaziergänger, er weiß nicht wohin er geht und trotzdem kommt er zum Schluss immer in sein Kaffeehaus.

Den Sperl-Stammgast erkennt man oft an der Haltung Ludwig van Beethovens, die Hände hinterm Rücken verschränkt, den Kopf leicht gesenkt und irgend eine Melodie summend.
Wenn sie so daher spazieren denken sie meist an ihr Hobby oder die Freizeit, die sie eben genießen. Jeder von ihnen ist irgend ein Künstler, Musiker oder Schauspieler; so viele dieser Begabungen kann die ganze Welt nicht verkraften.
Der Sperlianer ist ein Wiener reinsten Wassers und diese ergreifen ihren Beruf nicht aus Liebe, sondern aus Vernunftsgründen.
Sie seien geborene Beamte sagt man, aber das stimmt ja gar nicht. Sie sind geborene Maler, Sänger, Schauspieler oder Kritiker und werden Beamte, weil die zwar nichts haben, aber das wenigsten sicher.
Der Kaffeehausgast mag seinen Beruf nicht und nörgelt ständig über ihn. Damit sind die Schwerpunkte der Konversation im Sperl schon vorgegeben.
Das Nörgeln und Kritisieren ist nicht Boshaftigkeit, sondern kommt vom Zwang und der abverlangten Unterwürfigkeit, beide sind dem Wiener ein Gräuel.
Wegen seiner künstlerischen Begabung ist er zur Freiheit geboren und unterordnet sich - wie gesagt - nur aus Vernunft.
Wie an anderer Stelle beschrieben ist das Kaffeehaus nicht Ausgangspunkt für Revolutionen sondern Sammelbecken für gleiche Interessen und der Stammgast ist heute nicht Derselbe wie um 1900 sondern nur gleichgeblieben.
Er besitzt Verantwortungsgefühl für seine Familie, die Kinder und Eltern, ist fürsorglich und in einer eigenen Weise treu. Also braucht er einen Beruf, der es ihm ermöglicht, diese Eigenschaften voll ausfüllen zu können.
Also wird er Rechtsanwalt, Richter, Arzt, Professor, Kaufmann oder Büroleiter. Es sind immer Beschäftigungen, die seinen Interessen diametral entgegengesetzt sind, und dennoch schöpft er aus ihnen sein Hobby.
Sein Künstlertum beschert ihm Freuden und Anregungen, bürdet ihm aber viele Lasten auf. Sein empfindliches und labiles Wesen steht im ewigen Zwiespalt mit dem verfehlten Beruf, den man wählen musste.
Und daraus resultiert schlussendlich eine lächelnde Resignation. Es gibt viele wehleidige Typen beim Sperl und anderswo. Sie klagen über Schwiegermutter und Arbeitgeber in einem Atemzug, stellen direkt vor dem Lokal ihr Auto ab und jammern über die Abgase.
Nach dem fünften Glas Wasser fragen sie den Ober, ob etwa sie schuld an seinem gehetzten Gesichtsausdruck tragen würden und verstehen nicht, warum die ausländischen Schachpartner ihre Partie abbrechen,
obwohl er ihnen doch nur geniale Ratschläge gegeben hätte. Er kann schon lästig sein, ist aber dennoch immer herzig und lieb.

Dabei ist er jedoch immer "so" herzig und "so" lieb oder "so" lästig. Das "so" ist wie in ganz Wien im Sperl ein untrügliches Sprachmerkmal.
Es tritt bei allen möglichen und unmöglichen Phrasen auf und hebt positive wie negative Attribute aus der Masse der Eigenschaftswörter.
Ein Mäderl ist nicht herzig, wenn es nicht "so" herzig ist und der Ober ist nicht grantig, sondern immer nur "so" grantig. Der Chef ist "so" fesch und der Kaffee ist nie "zu" heiß, sondern ganz bestimmt "so" heiß.
Natürlich ist es auch so spät, die Frau Gemahlin vom Hausarzt so entzückend und das Kaffeehaus in der Innenstadt so teuer. Er ist ein "So"-Mensch, der Sperlianer. Sonst wären er und sein Kaffeehaus nicht "so" berühmt.
Er ist ein so großer Sammler und in seinem Heim ist er umgeben von Andenken, Bildern, Krimskrams und Reliquien. Trotz dieser Kleinbürgerlichkeit umgibt ihn eine Auriole von Hochmut, Unnahbarkeit, Eitelkeit und Stolz.
Und gerade hier beim Sperl verhelfen ihm dieses sonst unangenehmen Eigenschaften, seine ängstlich behütete Abgeschlossenheit und heiligen Freiraum zu bewahren. Meisterhaft beherrscht er eine enervierende Arroganz!
Er schaut durch die Leute, hört durch sie durch und redet über sie hinweg mit anderen. Boshaft vergisst er Titel oder verdreht sie zur Lächerlichkeit (Fessor prost!), überhört ihren Gruß und schaut andere an, wenn er zurück grüßt.
All dies beherrscht er meisterhaft und schafft damit bei den G´scherten ein ansehnliches Stück zur allgemeinen Unbeliebtheit. Wie um die Jahrhundertwende ist er nicht frei von Snobismus.
Dieser äußert sich in erster Linie bei Rang und Titel. Trägt er solche selbst, hütet er ihn eifersüchtig und schmettert ihn arrogant dem Nichtgleichgestellten um die Seele.
Er gibt sich tolerant und liberal, neigt aber auch zu Zynismus, Skepsis und Nörgelei. Im Inneren ist er aber fromm bis bigott und tief in der Seele verschämter Katholik. Katholisch ist sein Missvergnügen gegenüber Logik und Verstand,
katholisch seine Ehrfurcht für Schicksal und Überirdisches, katholisch sein mystischer Glaube an einen höheren Monarchen, katholisch ist die Neigung, bei Schwierigkeiten die Hände in den Schoß zu legen, die Augen zu schließen
und auf die Hilfe des Monarchen zu vertrauen. Katholisch ist die Freude an Genuss, Vergnügen und Kitsch, katholisch ist die Annahme der Leiden und die Eigenschaft, nicht gegen diese anzukämpfen.

Auch eine klösterliche Komponente verbindet die Mönche im Kaffeehaus. Sie lieben ein ruhiges, beschauliches Leben, eine saubere Kleinwohnung und das Finden von vielen kleinen Freuden im Alltag, seiner Umgebung und der Natur.
Er kleidet sich nett, sauber und oft primitiv und vollbringt seine Liebhabereien mit klösterlicher Akribie.
Er sammelt Briefmarken, Künstlerfotos, Kaiserbilder und Unmengen von Büchern, die genauest eingeordnet, katalogisiert und in Schutzeinbände gehüllt, aber nie gelesen wurden.
Die Sperlianer sind Lokalhistoriker, die alles besser wissen und wie ein Erzengel über die Reste der Vergangenheit wachen.
Hier schöpft sich das Potential für Denkmalschutz und Gemeindemuseum. Wird ein Haus demoliert, versucht man es zu erhalten mit dem Hinweis, dass Beethoven hier gewohnt habe.
Beweis gibt es keinen, aber er ist ja so oft umgezogen - wer weiß.

Diese schrulligen Eremiten bevölkern also das Sperl.
Sie waren ja alle große Begabungen und haben sich jetzt untergeordnet als kleine Beamte, Lehrer oder Apotheker. Sogar eine leitende Stellung ist ja irgendwie eine Unterordnung.
Und dieser leidvolle Abstieg wird mit dem Leitmotiv des Sperlianers begründet: "Da kannst du nichts machen! Es ist halt SO!"


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