Vom Sieveringer Agnesbrünnl
(bearbeitet von Gabriela Bobek)
Nahe dem Hermannskogel mit seinem
Aussichtsturm breitet sich die Jägerwiese aus, auf der einstens viel gejagt
worden ist,
und plätschert das Agnesbrünnl, um das sich zahlreiche Sagen aus
uralter Zeit, aber auch Erinnerungen an die Schwedenkriege
und an die Türkenbelagerungen
ranken. Aus der reichen, sich oft überschneidenden Überlieferung sei eine
Sagenfassung herausgehoben.
Einst stand in dieser Gegend eine stattliche
Ritterburg. Auf ihr hauste ein wilder, herzloser Ritter mit seinem einzigen Töchterlein
Agnes,
das im Gegensatz zu ihrem Vater ein liebreizendes und hilfsbereites Geschöpf
war.
Der Ritter trieb sich oft in den dichten
umliegenden Wäldern herum und machte Jagd auf alles Wild, was ihm begegnete.
Das Mädchen war daher häufig allein und nützte die einsamen Tage, um
ebenfalls durch die Wälder zu streifen und Schwämme
und Beeren zu sammeln.
Einmal stieß sie bei ihrer Wanderung auf eine armselige Holzhütte, in der sie
einen Buben jämmerlich
weinen hörte. Als sie durch die Tür trat, sah sie das
schluchzende Kind auf einem notdürftigen Lager liegen. Vor ihm kniete eine
Frau
und kühlte mit einem feuchten Lappen seine Wangen, über die sich
blutunterlaufene Striemen zogen. Im Gespräch mit der Frau,
die die Mutter des
Knaben war, erfuhr Agnes, dass ihr Vater den Buben im Walde angetroffen hatte,
wie dieser gerade ein Bündel
dürres Holz für den elterlichen Ofen nach Hause
tragen wollte. Der hartherzige und jähzornige Ritter hatte ihm mit der
Reitgerte ins
Gesicht geschlagen und ihm das Reisig weggenommen. Agnes war von
dieser Rohheit tief betroffen, streichelte den Knaben zärtlich
und versprach,
ihm eine schmerzlindernde Salbe zu bringen. Als sie wiederkam, hatte sie nicht
nur das Heilmittel, sondern auch Fleisch
und Obst bei sich. Am Bett des Jungen
saß diesmal ein junger hübscher Mann; Agnes war dadurch vorerst etwas eingeschüchtert.
Aber als die Mutter vom Hertwinkel kam und erklärte, dies sei ihr ältester
Sohn Karl, der dem Beruf eines Kohlenbrenners nachgehe,
legte sie ihre Scheu
bald ab. Die zwei jugendfrischen Menschen fanden bald aneinander Gefallen. Gern
und oft kam das Mädchen
von nun an in die Hütte, um den armen Leuten Essen zu
bringen und mit dem Kohlenbrenner ein wenig zu plaudern.
Die beiden saßen dann
meist bei einer nahen Quelle und sprachen von ihrer Zukunft.
Durch den Verrat eines Jägers des Burgherrn,
der Agnes mit Karl im Wald gesehen hatte, erfuhr der Ritter von ihren Besuchen,
packte in zorniger Erregung Lanze und Schwert und ließ sich von dem Jäger zur
Waldquelle führen.
Dort stürmte er mit einem wütenden Schrei auf die beiden
Liebenden los und tötete sie mit dem Schwert.
So starb Agnes wie ihre heilige Namenspatronin,
die als Märtyrerin in Rom mit dem Schwert enthauptet worden war
und als die
Schutzpatronin der jungen Mädchen gilt. In seinen letzten Atemzügen stieß
Karl einen Verdammungsfluch gegen
den grausamen Ritter aus, der nach seiner
grausigen Mordtat entseelt zu Boden stürzte. Im selben Augenblick öffnete sich
die Erde unter schauerlichem Krachen und verschlang mit dumpfem Getöse die Burg
des verfluchten Ritters.
Nur die friedlich plätschernde Quelle, der
Lieblingsplatz der beiden jungen Menschen, erinnert noch an die verhängnisvolle
Stätte.
Sie erhielt später den Namen Agnes- oder Jundfernbrünnl. Man sagt von
ihrem Wasser, dass es Augenleiden heile.
Es wir auch erzählt, dass im Sand und
auf den Steinen der Quelle Zahlen zu lesen seien, die auf glückbringende
Nummern im Lottospiel hindeuten.